Ich habe doch keine Zeit.
Nun habe ich auch noch eine Kolumne. Gestatten, Sabrina Schell. Ich bin die Neue. Die Kolumne, die 10 Jahre lang von Alexander Hunziker gehegt und gepflegt wurde, um mit Ihnen seinen Blick auf die Wirtschaft zu teilen, darf ich nun übernehmen. Ich darf mich nun Kolumnistin nennen. Ja, da kann man schon mal in seinen Computerbildschirm lächeln. Natürlich habe ich das stolz und freudig erzählt, und die meisten haben sich auch mitgefreut und wohlwollend gelächelt. Aber auch die Reaktion: „Und wann willst du das noch machen?“, wurde mir nicht nur einmal entgegnet. Tja, nun komme auch ich ins Grübeln.
Der Zeitgeist scheint zu sein, sich viel über Zeit zu unterhalten. Zeit ist anscheinend zu einer Währung geworden, und wir stecken in einer Paradoxie fest. Auf der einen Seite haben wir eine so geringe Arbeitszeit, wie es noch keine Gesellschaft vor uns hatte. Auf der anderen Seite zeigen immer neue Statistiken, dass sich zunehmend Menschen gestresst fühlen. Wie oft hören wir uns sagen: „Sorry, ich habe keine Zeit“? Dabei kann man Zeit nicht besitzen. Sie fließt. Sie ist da, man kann sie nutzen, sie vergeht, und das für jede*n von uns, im selben Takt. Tick Tack, Tick Tack. Auf Terminanfragen ehrlich zu antworten, würde ein „Ich habe andere Prioritäten“ besser treffen, aber schon die Irritation beim Gegenüber braucht wieder Zeit und Aufmerksamkeit.
Zeit soll etwas sein, das man managen, steuern und vor allem nutzen muss. Zeit wird sogar als Machtinstrument eingesetzt. Dies führt Teresa Bücker in ihrem Manifest über Zeit ausführlich aus. Wenn Vorgesetzte ihre Mitarbeiter*innen bewusst warten lassen oder die Terminabstimmung stets nach dem Kalender der obersten Hierarchiestufe gestaltet wird, dann bekommt Zeit eine Wertigkeit. Die Zeit des hierarchisch Höhergestellten ist wertvoller als die der anderen Person. Über die Limitation von Zeit können sogar Hierarchien erzeugt werden, und das vielleicht auch im privaten Kontext.
Zeit wird gefüllt, auch die Freizeit. Der Social-Media-Account wird zum zweiten Job, denn auch in den sozialen Medien muss man beschäftigt sein, ausschließlich produktive und dazu noch gutaussehende Dinge tun. Content-Kreation auf Instagram oder LinkedIn kann für jeden, der etwas auf sich hält, ganz schön zeitraubend sein. Freizeitstress wird sowas heutzutage oftmals genannt. Wer dafür verantwortlich ist: Na jeder und jede selbst, oder etwa nicht?!
Tja nun, auch ich habe mich dazu entschieden, meine Zeit aktiv zu nutzen. Indem ich mich einmal im Monat hinsetze und diesen Text verfasse, meinen Blick auf die Gesellschaft reflektiere und mit Ihnen teile. Vielleicht wird es ein sokratisches Gespräch, vielleicht auch nur eine Plauderei. Die Zeit wird es zeigen. Ich gebe meiner Leidenschaft, dem Schreiben, wieder nach. Folge dem Rat von Doris Dörrie:
„Ich schreibe, um diese unglaubliche Gelegenheit, am Leben zu sein, ganz genau wahrzunehmen und zu feiern. Ich schreibe, um einen Sinn zu finden, obwohl es am Ende wahrscheinlich keinen gibt.“
Ich schaffe für das Schreiben einen Raum in meinem Terminkalender. Dann gibt es vielleicht auch neuen Raum in meinem Kopf, und den kann ich dann wieder füllen. Vielleicht aber auch nicht. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Zeit.
Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Vielleicht sind Sie sogar rebellisch und sind einfach in der Zeit. Das wäre doch mal ein spannendes Experiment.
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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Juni 2024.