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Kolumne · August 2024

«Alles gut?» «Alles gut!“

Schon von weitem sieht man die Kollegin im Büroflur. Man lächelt, nimmt mit den Augen Kontakt auf. Dann fallen diese beiden Sätze, die sich nur im Satzzeichen unterscheiden.

Person 1: «Alles gut?»

Person 2 «Alles gut!“

Sie gleichen sich nicht nur in der Wortwahl, sie gleichen sich auch darin, dass ich zwei Menschen im Bruchteil von Sekunden angelogen haben. Warum?

Die Sachbotschaft der Nachricht ist eine Frage nach dem Befinden. Jedoch hat diese Frage noch weitere Ebenen, die erst durch Tonalität und Sprechtempo sichtbar werden. Die Person offenbart, je nach Tempo und Tonalität, dass sie nicht wissen möchte, wie es der anderen Person geht. Sie macht vielleicht sogar deutlich, dass sie gar keine Antwort auf die vermeintliche Frage haben möchte. Ob man daraus etwas über ihre Beziehung zur anderen Person ableiten kann, ist fraglich, vielleicht kann sie sich grade keine Zeit nehmen, um zu ergründen, wie es der anderen Person grade geht. Statt es bei den Blicken und einem aufmunternden Lächeln zu belassen, eröffnet sie jedoch eine Gesprächssituation und die andere Person fühlt sich aufgefordert zu reagieren. Und sie reagiert. „Alles gut!“

Wann ist im Leben alles gut? Alles?! Ich gönne Ihnen von Herzen, dass in ihrem Leben alles gut ist. In meinem ist das eigentlich nie der Fall. Auf der Sachebene, ist dies also mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit gelogen. Jedoch erfüllt die Person, die „Alles gut!“ antwortet, vermeintliche Erwartungen. Sie reagiert auf ein Gesprächsangebot und offenbart: ich habe dich gehört und deinen Apell verstanden, reagiere und befriedige dein Bedürfnis, weil ich annehme, dass du eine Antwort haben möchtest.

So wird aus einer Lüge auf der Sachebene ein zugewandter Akt eines Gesprächs. Zwei Menschen begegnen sich und kommunizieren miteinander, wenn auch nicht das, was sie aussprechen, sondern so wie sie handeln. Tonalität und Sprechtempo bestimmen, was wirklich gesagt wird und damit auch was die vermeintliche Wahrheit ist. Vielleicht geht es auch gar nicht um Wahrheit, sondern um Wahrhaftigkeit. Darum, dass beide Personen sich gesehen und gehört, WAHRgenommen fühlen.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Dafür müssten sie sich wohl darüber unterhalten. Offen und ehrlich. Vielleicht ist der Büroflur dafür nicht der richtige Ort. Ich schlage einen ruhigen Ort, vor, an dem man ein warmes Getränk in der Hand hält vor und an dem man offene Fragen stellen kann, wie „Wie fühlst du dich heute?“, „Was beschäftigt dich zur Zeit?“, „Worauf freust du dich diese Woche?“

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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, August 2024.