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Kolumne · Juni 2026

Dann musst du wohl einen reichen Mann heiraten.

Wir schreiben das Jahr 2026 – ein nicht sonderlich interessanter Einstiegssatz, aber er bot sich einfach an – und meine 15-jährige Stieftochter wurde wieder einmal gefragt, was sie denn werden wolle. Sie hatte keine Antwort auf diese Frage, und die Reaktion ihrer Tante, nachdem sie mehrfach nachgefragt hatte, war mehr oder weniger lustig gemeint: «Dann musst du wohl einen reichen Mann heiraten.» Sie kann froh sein, dass ich nicht dabei war – ich wäre in die Luft gegangen. Nicht nur, weil schon die Annahme, dass ein Mann geheiratet wird, 2026 unangebracht ist, sondern auch der «Ratschlag» an sich.

Vor kurzem las ich in einem Buch, dass 74% der deutschen Frauen von ihrem Mann finanziell abhängig sind. Ich sagte zu meinem Partner, dass mir die Vorstellungskraft fehle, wie das passieren kann. 74% – das müssen ja zahlreiche gut ausgebildete Frauen sein. Er sah mich verständnislos an. «Du wirst schwanger, musst erst mal zuhause bleiben, bekommst keinen Kindergartenplatz, bleibst weiter zuhause – schwupps, abhängig.» «Ja, gut, aber es bekommen ja nicht alle Kinder.» «Dein Partner verdient wesentlich mehr Geld als du, ihr zieht in eine Wohnung, die du dir niemals alleine leisten könntest, in eine Stadt, die sehr teuer ist und wo der Wohnungsmarkt angespannt ist – schwupps, abhängig. Und hast du mir nicht vor kurzem erzählt, dass rund 30% der Schweizer Frauen sehenden Auges in die Altersarmut laufen?» Ich kam mir dumm vor, naiv – und habe mich dann lieber wieder über meine Schwägerin geärgert.

Man kann gerne reich heiraten, wunderbar, ich gönne es jeder Person. Aber 2026 muss die Botschaft an junge Frauen doch sein: Bleib unabhängig. Beschäftige dich mit Finanzen, nutz deine Bildung, steh für deine Gesundheit ein, kämpf für deine Rechte und leb das Leben, das du leben willst.

Ich beobachte den Tradwife-Trend skeptisch – sehe aber auch, dass manche Frauen ihn ganz bewusst als Geschäftsmodell nutzen und ausschlachten. Ich nehme auch die Feministinnen wahr, die sich sofort auf Mütter stürzen, die länger als «nötig» zuhause bleiben oder Teilzeit arbeiten wollen – und finde das grundfalsch. Feminismus bedeutet nicht, dass es nun das eine Lebensmodell gibt, das man als perfekte Feministin zu leben hat. Gleichzeitig sehe ich, dass traditionelle Rollenbilder auf dem Vormarsch sind, dass Frauen härter kritisiert werden als Männer, dass Veränderungen in Bezug auf Frauen in Führungspositionen sich quälend langsam vollziehen und dass die Ausrede «Wir haben keine Frau für das Panel gefunden» immer noch genutzt wird.

All diese Widersprüche haben eine gemeinsame Wurzel: Wir verändern die Sozialisation nicht. Simone de Beauvoir schrieb 1949, man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht – und erschreckend viel davon gilt noch heute. Judith Butler hat später gezeigt, dass Geschlechterrollen nicht einfach existieren, sondern täglich neu aufgeführt werden: durch Sprache, durch Erwartungen, durch scheinbar harmlose Witze unter Verwandten. Wenn eine Tante 2026 zu einer 15-Jährigen sagt «dann heirate halt reich», dann ist das kein harmloses Bonmot. Es ist ein kleines Skript, das weitergegeben wird.

Was ich mir für meine Stieftochter wünsche? Dass sie irgendwann nach Hause kommt und sagt: Mom, I am the rich man.

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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Juni 2026.