Man kann auch passioniert ins Burn Out laufen – oder auch gerade deswegen
Da war er wieder, dieser eine Satz: «Ich arbeite eigentlich seit Jahren nicht mehr». Was in einem Bewerbungsgespräch durchaus verwunderlich scheint, ist auf grossen Bühnen, in Interviews oder auch in Gesprächen unter erfolgreichen Menschen ein geflügeltes Wort. Für mich persönlich ein Warnhinweis, oder das Zeichen, dass ich diese Person nicht ernst nehmen möchte.
Man arbeite nicht mehr, weil man seine Passion gefunden habe, seine Berufung oder noch schlimmer, sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Ein Hobby lebt davon, dass der Wert im Tun liegt und nicht im Ergebnis, und es gibt keine externe Verpflichtung – man tut es aus sich selbst heraus. Arbeit existiert in einem Markt, und wenn niemand das Produkt oder die Dienstleistung kauft, gibt es diese Arbeit nicht. Es ist unmöglich, dass es nicht auch um das Ergebnis geht, und wer keine externe Verpflichtung verspürt zu arbeiten, hat entweder sehr reich geerbt oder ist mit sehr wenig zufrieden.
Passion wird gerne stolz als Argument angewendet, und das erlaubt mir, mit meiner spärlich vorhandenen Lateinkompetenz zu glänzen: Passion kommt vom lateinischen passio – abgeleitet von pati (leiden, erdulden, erleiden). In der christlichen Religion kennen wir die Passion Christi, also das Leiden Christi. Das kann man einfach so stehen lassen. Dann werden andere Worte gesucht wie Berufung, auf die ich die Frage stelle: «Ah, und wer hat berufen?» – damit eventuell der Groschen fällt, dass das etwas Passives wäre, das nicht zu dem Stolz passt, der mitschwingt, wenn Personen von ihrer Tätigkeit berichten.
Weil ich mich darüber wirklich ärgere und das in meiner Kommunikation zeigt, reagieren Gesprächspartner:innen irgendwann mit: ich würde das einfach nicht verstehen. Das will ich nicht glauben. Ich folge der Haltung, dass Arbeit ein wichtiger Teil der menschlichen Identität ist – dass sie zu einem identitätsstiftenden Element geworden ist und von jedem Menschen so gewählt werden sollte, dass sie mehr gibt als sie nimmt. (Und machen wir uns nichts vor: da sind wir als Gesellschaft noch lange nicht.) Die Rolle des arbeitenden Menschen ist eine von vielen. Ein Mensch ist auch Nachbarin, Freund, Vereinsvorsitzende, Vater, lesende Person, Yogi, Wähler, Steuerzahlerin – alles, was sich dieser Mensch ausgewählt hat zu sein, oder was ihm zugeschrieben wurde. Der Tag hat 24 Stunden, Arbeit macht in den meisten Fällen ein Drittel davon aus – und was ist mit dem Rest? Wer bin ich, wenn ich nicht arbeite? Wer so privilegiert ist, einen erfüllenden Job zu haben, der auch finanziell versorgt, kann das freier wählen als andere – und hängt ausgerechnet dann die ganze Identität an die Arbeit?
In der Forschung werden zwei Formen von Passion unterschieden: Harmonische Passion – frei gewählt, ins Leben integriert, förderlich für das Wohlbefinden. Obsessive Passion – unkontrollierbar, konfliktträchtig, Burnout begünstigend. Wer sagt, er arbeite nicht mehr, zeigt genau das Muster obsessiver Passion: Die Arbeit hat alles andere verschluckt.
Ich akzeptiere Arbeit als identitätsstiftendes Element – nicht nur, weil ich selbst sehr gerne arbeite, sondern weil ich weiss, dass ich mich in privaten und persönlichen Krisen auf meinen Job zurückwerfen kann. Der macht mir Spass, auf den kann ich mich verlassen. Gleichzeitig sitze ich gerne mit Freundinnen in der Sonne und esse ein Eis, ich treibe Sport, ich lese Texte, die rein gar nichts mit meinem Job zu tun haben. Ich arbeite und ich arbeite nicht. Ich lebe während ich arbeite und ich lebe während ich nicht arbeite – aber meine Lebenszeit gehört mir anders, meine Autonomie ist eine andere, meine Gedanken und Gefühle sind andere, als wenn man nie wirklich aufhört zu arbeiten, immer «an» ist. Und genau das, so glaube ich, ist der Unterschied zwischen einem erfüllten Leben und einem, das sich irgendwann erschöpft.
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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Mai 2026.