Warum in die Ferne schweifen…?
Dieser Text entsteht in Chicago – The Windy City. Jeden Morgen, wenn ich aus meinem Hotel trete, schaue ich auf den riesigen Trump Tower. Tagsüber laufe ich durch die pulsierende Stadt, sauge Eindrücke in mich auf und genieße das tobende Leben. Menschen strömen durch die Straßen, in denen ständig gehupt wird, Abgase überschatten die Stadt, die an einem großen See liegt und sich mit grünen Parks schmückt. Am Abend beobachte ich Menschen, die sich auf Rooftopbars fotografieren, auf der Suche nach dem perfekten Foto, das die Eindrücklichkeit der Architektur und dieses Lebens in dieser Stadt einfangen kann. Manchmal auch vor dem Trump Tower.
Ich liebe Großstädte. Das Leben, das Tempo, die Möglichkeiten. Den erhöhten Puls einer Stadt zu jeder Tages- und Nachtzeit zu spüren, ist für mich ein spezielles Lebensgefühl. Doch dieses Lebensgefühl löst auch zahlreiche Störgefühle in mir aus. Die Anzahl der übergewichtigen und ungesund wirkenden Menschen – verstörend. Selbst in gehobenen Restaurants bekommt man gechlortes Wasser in Plastikbechern. Auf der Suche nach „gesundem Essen“ betrete ich nach über einer Stunde hungrig eine Bäckerei und frage, ob sie auch etwas Zuckerfreies haben (ich träume von einem warmen, getoasteten Bagel mit Cream Cheese). Der Bedienstete schaut mich zweifelnd an. Nein, so ehrlich müsse er sein, es gäbe nichts ohne Zucker, aber er könne mir etwas zeigen, was am wenigsten Zucker enthalte. Er holt einen sehr großen, glänzenden Chocolate Chip Cookie hervor. Ich schaue ihn fragend an, bedanke mich und gehe wieder. Am Abend sitze ich am Fluss, mit meinem Plastikbecher Rosé in der Hand, schaue auf das Wasser, auf dem Boote und Jachten an mir vorbeischippern, und genieße die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Der Herbst ist da, die Sonne taucht die imposanten Skyscraper in warmes Orange. Hinter mir eine Band und um mich herum hunderte, tausende Möglichkeiten.
So geht es mir die ganze Zeit in dieser Stadt, in diesem Land. Die Eindrücke widersprechen sich, die Gefühle auch. Das Land verspricht Freiheit, aber eben nur für einen gewissen Teil der Gesellschaft. Viele gesunde Foodtrends kommen aus den USA, die absolut ungesunden aber auch. Es gibt unfassbar viele Möglichkeiten, aber die meisten kosten eben auch exorbitant viel Geld – und das muss man ja auch erst einmal haben.
Während ich da so sitze, kommen plötzlich Bilder in meinen Kopf, wie ich in derselben Jahreszeit in einem ähnlichen Liegestuhl an der Aare in Bern sitze. Einen gespritzten Weißen in der Hand. Ohne Lärm von Autos, ohne Abgase, aber eben auch ohne das pulsierende Leben, dafür mit dem Kinderlachen im Ohr, mit den Studierenden, die sich über das vergangene Gurtenfestival unterhalten, und manchmal auch mit einem Moment der Stille. Statt großer Jachten kommt ein kleines Schlauchboot vorbei. Eine Ruhe macht sich in mir breit bei diesen Gedanken. Ein verträumtes Lächeln liegt auf meinen Lippen. Bern – diese Stadt in der Schweiz, der man nun nicht gerade das pulsierende Leben nachsagt, wird plötzlich zu meinem Sehnsuchtsort.
Chicago – es war wieder mal eine gute Zeit, ich habe es genossen, hier zu sein, aber jetzt fahre ich nach Hause. Glücklich.
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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, September 2024.