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Kolumne · November 2024

Auch wenn das Talent fehlt: Einfach anfangen und Geschichte schreiben

Die Sixtinische Kapelle in Rom – ein faszinierendes Meisterwerk der Kunst, Architektur und Religion. Jährlich strömen Tausende durch diese Kapelle, um Michelangelos Werke zu betrachten, wie die Erschaffung Adams und das Jüngste Gericht. 460 Quadratmeter bemalte Michelangelo selbst, zwischen 1508 und 1512 sowie zwischen 1536 und 1541. Damit ging er in die Geschichte ein – als der Mann, der auf dem Rücken liegend oder über Kopf die Sixtinische Kapelle bemalte, fast zehn Jahre seines Lebens. Er schuf sich ein Denkmal und das Prädikat „Künstler“, obwohl er den Auftrag zunächst ablehnte. Der Grund: „Ich bin kein Maler, ich bin Bildhauer. Die Malerei ist nicht mein Geschäft“, sollen seine Worte gewesen sein. Michelangelo, der große Künstler, sprach sich selbst das Talent als Maler ab und lehnte den Auftrag ab. Der zweite Grund hing eng mit dem ersten zusammen: Er vermutete, dass einer seiner Rivalen – der Konkurrenzkampf unter den Künstlern war groß – ihn vorgeschlagen hatte, um ihn scheitern zu sehen. Er vertraute weder seinen Fähigkeiten als Maler noch seinem Durchhaltevermögen und vielleicht nicht einmal dem Papst, der ihn beauftragt hatte. Dennoch nahm er den Auftrag widerwillig an. So entstand vielleicht das bedeutendste Werk, das er jemals schuf und das ihm bis heute Ruhm einbringt.

Ob Michelangelo Talent hatte oder nicht, bleibt dahingestellt. Wahrscheinlich hätte ihm aber jegliches Talent nicht geholfen, wenn er sich nicht gezwungen hätte, anzufangen – obwohl er keine Lust hatte, obwohl er sich unfähig fühlte, obwohl er weder sich noch anderen vertraute. Motivation und Talent – oft verlieren wir uns in dem Gedanken, kein Talent für etwas zu haben. Oder wir denken: „Wenn die Motivation kommt, fange ich an.“ Doch darauf können wir lange warten. Im Herbst und Winter ist es allzu bequem, auf den Januar zu warten. Um Veränderungen anzustoßen. Um endlich etwas Großes zu schaffen. Mit Sport zu beginnen, einen Roman zu schreiben oder morgens Yoga zu machen, um ein entspannterer Mensch zu werden.

Nicole Staudinger Autorin und Trainerin, auch genannt die Schlagfertigkeitsqueen, erzählt immer wieder die Geschichte ihrer Großmutter, die sie bat, den Müll rauszubringen. Auf Nicoles Antwort „Och nö Oma, ich habe keine Lust“, erwiderte die Großmutter: „Das ist nicht schlimm, dann machst du es ohne Lust.“

Großes kann entstehen, wenn wir gegen Widerstände anfangen. Weil wir einen Auftrag haben, weil andere an uns glauben, weil wir Ziele haben. Wenn wir anfangen. Ich fange jetzt mal an, Sport zu treiben und glauben Sie mir, mein Widerwille ist sehr sehr gross. Aber vielleicht werde ich ja doch noch Marathonläuferin (es ist unwahrscheinlich, dass das klappt – aber das hat Michelangelo ja auch gedacht).

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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, November 2024.