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Kolumne · Dezember 2024

Ewig lange drei Minuten

Wann haben Sie das letzte Mal jemandem einfach nur drei Minuten zugehört? Ohne eine einzige Nachfrage zu stellen, ohne innerlich schon an Lösungen zu denken. Ohne den leisen Zweifel, ob das, was die andere Person sagt, noch zur Geschichte gehört oder längst irgendwo abschweift. Drei Minuten. Nicht eine, nicht zwei. Drei.

Es fühlt sich oft so an, als zögen sich diese Minuten ins Endlose. Menschen sprechen, holen aus, verweilen an Stellen, die uns fremd oder unwichtig erscheinen. Innerlich schwanken wir zwischen Ungeduld und dem Drang, selbst etwas beizutragen. Fragen drängen sich auf: Was ist hier das eigentliche Problem? Warum ist es so und nicht anders gekommen? Sicher, es würde helfen, einzugreifen – vielleicht könnten wir das Gespräch lenken, hilfreiche Ideen beisteuern. Sie hat doch ein Problem, denkt man, und man selbst vielleicht die Lösung. Doch ein Blick auf die Uhr verrät: es sind kaum zwei Minuten vergangen.

Diese Gedanken im Kopf – Fragen, Ratschläge, Erklärungen – sie brennen darauf, hervorzubrechen. Oft unterbrechen wir, bevor wir es merken. Eine kleine Nachfrage, denken wir, wird schon nichts stören. Vielleicht, so hoffen wir, hilft es der anderen Person sogar, den Faden zu finden. Doch vielleicht haben wir nur die Stille nicht ausgehalten.

Wann, frage ich Sie, hat Ihnen das letzte Mal jemand drei Minuten nur zugehört? Wann haben Sie das letzte Mal eine Geschichte bis zum Ende erzählen dürfen, ohne Eile, ohne die ständige Sorge, jemandem Zeit zu rauben? Drei Minuten, in denen Sie sich richtig gesehen und gehört gefühlt haben.

Carl Rogers, ein amerikanischer Psychologe, sagte einmal, dass ein Mensch, dessen Bedürfnis nach bedingungsloser Wertschätzung erfüllt ist, sich in seinem Streben nach Entfaltung als grundlegend konstruktiv und sozial erweist. Zuhören ist Wertschätzung. Drei Minuten lang darf ein Mensch sprechen, sich zeigen, ein Stück seiner Welt teilen. Drei Minuten, in denen er eine Geschichte vollenden, einen Gedanken zu Ende formen kann. Wer würde nein sagen, wenn er um so wenig gebeten wird?

Wir leben in einer Zeit, in der mehr Menschen sich gesehen, gehört und wertgeschätzt fühlen sollten, um konstruktiv und menschlich zu bleiben. Und in dieser Jahreszeit, in der Besinnlichkeit und Miteinander im Vordergrund stehen, lädt uns die Weihnachtszeit dazu ein, innezuhalten. Sich auf Familie, Freunde, die eigene Menschlichkeit zu besinnen. Darum lade ich Sie ein, jemandem drei Minuten Ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit zu schenken. Ich lade Sie ein, jemanden zu bitten, Ihnen drei Minuten zuzuhören. Drei Minuten Stille, die vielleicht die Zeit ein wenig langsamer werden lassen und das Leben ein bisschen intensiver machen. Ein großes Geschenk, vielleicht.

Ich wünsche Ihnen eine besinnliche Zeit. Wir lesen uns im neuen Jahr.

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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Dezember 2024.