Ich bin okay – Du bist okay
Ist im Januar irgendwer okay? Das Wetter ist grau, die Nase läuft, und die guten Vorsätze scheitern schneller, als wir sie aufstellen können. Sport, weniger Alkohol, kein Zucker und überhaupt, 2025 wird alles anders. Gute Freunde treffen wir weniger, weil das ja wieder die Vorsätze ruinieren könnte. Das Fitnessstudio sieht uns dafür jetzt umso öfter. Aus Erfahrung wissen wir längst, dass gute Vorsätze oft schnell scheitern und das Fitnessstudio, dann nur zur finanziellen Belastung wird. Vielleicht gehen wir deshalb einfach häufiger spazieren – zumindest, wenn es nicht zu stark regnet.
Ganz und gar nicht okay scheinen wir alle zu sein. Verändern müssen wir uns. Optimieren. Selbst unsere Befindlichkeit wird dabei optimiert: Statt zu fühlen, ob wir wach und ausgeruht sind, sagt uns der Ring am Finger oder die Uhr am Handgelenk, ob wir unseren Tagesanforderungen gewachsen sind und letzte Nacht auch wirklich durchgeschlafen haben. Diese Technologien verstärken den Druck, uns ständig zu verbessern. Der Puls war mal wieder zu oft zu hoch? Keine Sorge – die App erinnert uns, dass wir mehr meditieren sollten, um 2025 ein besserer Mensch zu werden.
So sind die Ansprüche, die wir an uns selbst stellen. 2025 müssen wir uns bewegen, wir müssen meditieren und überhaupt, haben wir nicht in der letzten Ausgabe gelesen, dass wir auch besser zuhören müssen? Schade. Denn wenn wir uns selbst akzeptieren und davon ausgehen, dass wir okay sind, dann ist es auch viel einfacher, andere okay zu finden. Das wissen wir aus der Psychologie schon sehr lange.
„Ich bin okay, du bist okay“ als Haltung stammt ursprünglich aus der Transaktionsanalyse, harmoniert aber auch sehr gut mit der Akzeptanz- und Commitmenttherapie. Das erste Prinzip hier lautet: „Es geht nicht darum, wer oder was ich sein sollte, sondern darum, wer ich bin und wie ich mit meinen Werten leben möchte.“ Wie ich damit leben möchte, ist vollkommen okay, weil ich okay bin. Das zweite Prinzip lautet: „Akzeptiere, dass du die inneren Welten anderer Menschen nicht kontrollieren kannst.“ Damit einher geht auch, dass ich vielleicht ihre Wirklichkeit gar nicht immer nachvollziehen kann – sie haben andere Werte oder ich kenne ihre Perspektiven nicht. Es ist aber erst einmal okay, dass eine Person anders ist als ich selbst.
Auch 2025 warten sicherlich ein paar Herausforderungen auf uns, vielleicht sogar Konflikte. Wenn man in einem solchen Konflikt ist, könnte man sich selbst akzeptieren („Ich bin okay, auch wenn ich gerade wütend bin“) und gleichzeitig die andere Person nicht verurteilen („Du bist okay, auch wenn ich deine Sichtweise nicht teile“).
2025 könnten wir einfach mal okay sein. Nicht überlegen, wie wir uns verbessern könnten, sondern einfach mal loslassen – unsere Ansprüche, unseren Optimierungsdrang, unseren Perfektionismus. Wäre das nicht okay?
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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Januar 2025.