Was gibt mir Zuversicht?
Diese Frage wurde mir vor Kurzem gestellt. Zugegeben, darüber musste ich eine ganze Weile nachdenken. In Zeiten der Polykrise, in denen ich manchmal nicht einmal mehr die Nachrichten schauen möchte, führe ich als Professorin, die für "New Work" und für eine Arbeitswelt steht, die den Menschen mehr gibt, als sie nimmt, immer wieder die gleichen ermüdenden Debatten. Oft höre ich, dass dies eine elitäre Diskussion sei, die nur privilegierte Menschen betreffe. In dynamischen Zeiten greifen wir auf altbekannte Muster und Argumente zurück. Das ist psychologisch erklärbar und manchmal rational nachvollziehbar, für mich jedoch emotional erschöpfend. Doch ich merke auch, dass in mir eine neue Energie entsteht – ein Wille zur Veränderung.
Die Ideen von "New Work" und "Arbeitszeitreduktion" sind nicht neu. Bereits 1930 sprach John Maynard Keynes von der 15-Stunden-Woche, und in den 1980er Jahren prägte Frithjof Bergmann den Begriff "New Work". Man könnte sagen: Hat sich nicht durchgesetzt, bleibt Utopie. Doch vieles hat sich verändert. Seit 1980 haben sich weltweit die Patente vervierfacht. Während meine Mutter in der Schule noch nicht googeln konnte und wir mit einer Papierkarte in den Urlaub fuhren (und auch ankamen), verlassen wir uns heute fast unreflektiert auf das Internet und Apps, die uns den Weg weisen. Der Future of Work Report der OECD von 2019 prognostiziert, dass sich 32 % der Jobs in den nächsten 15 bis 20 Jahren durch Künstliche Intelligenz radikal verändern werden. Ich sehe darin eine große Chance. Viele Tätigkeiten sind vom Menschsein entkoppelt, entsprechen weder dem Bedürfnis nach Bewegung noch stiften sie Sinn. Doch Menschen wollen Sinn und Resonanz in ihrer Arbeit finden. Sie wollen fair bezahlt werden, um ein lebenswertes Leben zu führen – mit Zeit für Beziehungen, gesellschaftliches Engagement und für sich selbst. Ein gutes Leben bedeutet nicht zwangsläufig Konsum und immer mehr, sondern manchmal sogar weniger. Forscher:innen der Universität Bern zum Beispiel konnten zeigen, dass mehr Zeit zu weniger Konsum und dadurch auch zu positiven Auswirkungen auf das Klima führen könnte.
Künstliche Intelligenz kann uns die Chance geben, gesellschaftlich zu reflektieren und vor allem zu diskutieren: Wie wollen wir leben? Wie arbeiten? Was überlassen wir der KI, und wo bevorzugen wir den Menschen? Ich möchte, dass Kinder von Menschen betreut werden. Ob mich eine KI oder ein Mensch zu nachhaltigen Geldanlagen berät, ist mir hingegen weniger wichtig. Andere mögen das anders sehen, und genau das ist gut so. Diese Vielfalt in der Diskussion gibt mir Zuversicht. Die technischen Möglichkeiten geben mir Zuversicht. Die Idee, dass ich irgendwann in einem selbstfahrenden Auto sitze und endlich nicht mehr selbst fahren muss (das mache ich nämlich wirklich ungerne), zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht.
Zuversicht gibt mir, dass wir ein Wissenschaftssystem haben, das solche Fragen empirisch und diskursiv begleiten kann. Dass ich mich mit diesen Themen auseinandersetzen darf und Teil der Veränderung bin. Das gibt mir Sinn und Lebensfreude.
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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Februar 2025.