Kontextkompetenz – Kommt mir komisch vor
Das Wort Kontextkompetenz habe ich vor Kurzem in einem Vortrag gehört. Unternehmen brauchen Kontextkompetenz, wurde dort propagiert – vor allem, um innovativ zu sein. Es wurde beschrieben, dass sich Kontexte verändern und Unternehmen deshalb Marktanteile verlieren können, wenn sie keine Kontextkompetenz besitzen. Mehr noch: Wenn sie in der Lage sind, ihre Produkte in einem neuen Kontext zu verorten, können sie besonders erfolgreich sein.
Nun ändert sich der Kontext derzeit täglich, vielleicht sogar stündlich. Politisch interessierte Menschen verfolgen dies in den Medien. Vermögende Menschen spüren es in ihren Aktiendepots oder nehmen es zumindest zur Kenntnis. Wenn die Rendite des Depots innerhalb weniger Tage halbiert wird – oder in einigen Fällen noch weniger übrig bleibt – geht das wohl an den wenigsten vorbei.
Der Kontext verändert sich – doch welche Kompetenzen brauchen wir, um darauf zu reagieren? Unternehmen folgen derzeit Weisungen des amerikanischen Präsidenten, der Bilder abhängen, Wörter verbieten und Bücher zensieren lässt. Sie streichen ihre Diversity, Equity und Inclusion (DEI)-Programme oder eliminieren sie ganz. Die Begründung? Die aktuelle wirtschaftliche Lage lasse dafür keine Mittel zu. Manchmal bleibt eine Begründung ganz aus. Auch die Wissenschaft trifft diese Entwicklung: Universitäten stellen Lehrstühle für Gender Studies infrage, Sprachregelungen werden festgelegt, die das Gendern verbieten, und Akkreditierungsgesellschaften streichen kurzfristig alle DEI-Kennzahlen aus ihren Erhebungsinstrumenten.
Ist das Kontextkompetenz? Möglichst schnell auf Veränderungen zu reagieren, Tech-Oligarchen zu folgen und dem amerikanischen Präsidenten sogar in Europa einen Dienst zu erweisen?
Um einen Kontext zu verstehen, könnte man in die Geschichte eines Landes schauen: Wo kommen wir her? Wie sind wir hier hingelangt? Warum haben wir uns als Gesellschaft entschieden, Muster aufzubrechen und neue Wege zu gehen? Streben wir nicht eine plurale Gesellschaft an, in der wir frei sein können?
Wir – wer ist dieses „wir“? Alle Menschen, mit denen wir in Resonanz treten? Oder vielmehr alle, die das, was wir Gesellschaft nennen, am Laufen halten? Die Gesellschaft funktioniert, weil sich viele einbringen. Warum folgen wir nun wenigen?
Kontextkompetenz bedeutet für mich auch die Kompetenz, innezuhalten. Das, was geschieht, zu betrachten. Einen Moment zwischen Reiz und Reaktion zu legen – und dann zu handeln. Mit Wissen über Geschichte, mit Bewusstsein für die Werte des Landes, in dem wir leben, und für die Werte, die wir selbst vertreten. Die Reaktion folgt – und kann ein Handeln sein oder auch ein Nicht-Handeln. Ich kann mich nämlich auch dafür entscheiden, so weiterzumachen wie bisher: bedacht, werteorientiert, leise.
Vielleicht ist das der größte Widerstand in dieser Zeit: In einem sich ständig verändernden Kontext stoisch zu sein. Den eigenen Verstand zu gebrauchen. Die eigenen Werte nicht zu verraten. Und damit den stärksten Widerstand zu leisten, der derzeit möglich ist.
Dabei wünsche ich viel Kraft – und ein bisschen Komik. Die macht das Leben leichter.
„Du hast Macht über deinen Geist – nicht über äußere Ereignisse. Erkenne dies, und du wirst Stärke finden.“ – Marcus Aurelius
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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, April 2025.