Schaukelstuhl oder Achterbahn.
Ich habe mich dabei ertappt, dass ich das Thema meiner letzten Kolumne nochmals aufgreifen wollte – nur aus einer anderen Perspektive: stoisch und achtsam zu bleiben, statt als Fähnchen im Wind flexibel die eigenen Werte zu verraten. Ich wollte durchdenken, wie flexibel und «agil» wir eigentlich sein müssen und ob das wirklich zu den sogenannten Zukunfts-Skills zählt – oder ob nicht das Gegenteil der Fall ist. Diese Frage wollte ich in einem Essay verarbeiten, ohne konservativen oder rechten Kräften ungewollt Beifall zu verschaffen. Ich las die letzte Kolumne nochmals und erkannte: gleiche Botschaft, nur andere Perspektive. Ist es das wert, nochmals Raum dafür zu nutzen?
Wertvoll ist auch der Raum in meinem Kopf. Der, den ich mit bewussten und unbewussten Gedanken fülle. Und aktuell geschieht das offensichtlich mehr unbewusst: Weltpolitik nimmt Raum ein. Ich fühle mich resilient, nicht übermäßig geplagt von Weltschmerz. Ich kann mich auf meinen Einflussbereich konzentrieren. Und dennoch: Dass ich das Thema wieder aufgreifen wollte, zeigt, wie sehr es mich beschäftigt. Ich suche nach Antworten – in der Politik, bei den Stoikern, in Gesprächen mit meinem Partner, in Diskussionen mit Studierenden, in mir selbst. Manchmal aktiv, oft unbewusst. Ich frage mich, ob ich mich dabei bewege oder in einem geistigen Schaukelstuhl sitze: vor und zurück – ohne echten Fortschritt.
Kennen wir das nicht alle? Im Extremen: kreisende Gedanken, Ruminieren. Es bringt uns nicht weiter, nicht ins Handeln. Es kostet Erholungszeit, manchmal den Schlaf. Ich nehme das Ruminieren wahr und kann, wenn ich geübt bin, es durchbrechen. Ich kann Journaling nutzen, mich bewusst ablenken oder mir die Situation als "Fliege an der Decke" anschauen. Schwieriger ist das unterschwellige Beschäftigtsein mit Themen, die belasten und unvermittelt auftauchen.
Ein Leser würde jetzt sagen: «Du musst nur lange genug meditieren.» Und er hat ja recht. Aber die meisten sind darin nicht geübt. Was tun mit diesen großen Fragen, die unterbewusst Raum einnehmen und doch nichts verändern? Akzeptieren.
Ich akzeptiere, dass mich der Umgang mit der Weltlage beschäftigt. Dass mich interessiert, auf welchen Werten unsere Gesellschaft fußt. Ich akzeptiere, dass Nachdenken Zeit und Energie kostet. Ich bin unachtsam: Ich bewerte das. Und zwar als: okay. Es entspricht mir. Meinen Werten. Meinen Interessen. Wenn ich diese Fragen durchdenke, halte ich meinen Verstand wach, stärke meine Haltung, bleibe sprechfähig.
Werde ich mich am Ende meines Lebens daran erinnern, wie oft ich mich über Politiker:innen geärgert habe? Sicher nicht. Aber ich werde mich erinnern, wann ich mir und meinen Werten treu geblieben bin, weil ich eine Haltung hatte, die ich durchdacht habe. Dafür muss ich Gelegenheiten zum Handeln finden. Über die denke ich jetzt einmal bewusst nach und setz mich statt in den Schaukelstuhl in die Achterbahn des Lebens.
· · ·
Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Mai 2025.