Selffulfilling Prophecy – oder wie man sich selbst ertappt
Manchmal stehe ich auf Bühnen, in Klassenräumen oder einfach in Meetings und erkläre, warum wir eine neue Arbeitswelt brauchen. Eine, in der Menschen gut und gerne arbeiten. In der wir Menschen vertrauen und ihnen zutrauen, dass sie sich organisieren können, ihren Beitrag leisten wollen und können, lernfähig sind und sich weiterentwickeln. Es endet in den meisten Fällen in Diskussionen darüber, dass Menschen die Spülmaschine im Büro nicht ausräumen – wie sollen sie dann Verantwortung für die wirklich wichtigen Themen übernehmen? Die Worte „Low Performer“ fallen (ist schon jemandem aufgefallen, dass dieses Wort nicht gegendert wird?), und über die Maturität von Mitarbeitenden wird gestritten. Ich stehe dann manches Mal da und warte darauf, dass insbesondere bei Geschäftsführer:innen jemand auf die Idee kommt, dass sie die Personen selbst eingestellt haben.
Irgendwann bin ich dann wieder dran einzugreifen. Versuche, mit Luhmanns Theorie der Komplexitätsreduktion zu erklären, dass Menschen sich jeden Tag selbst organisieren und Wege finden, ihr Leben zu strukturieren. Ziehe ein paar Statistiken aus Factfulness aus dem Hut. Erläutere, dass alle Menschen in sich tragen, lernen zu wollen. Wenn sie es nicht im Job tun können, dann tun sie es privat. Manche wären erstaunt, was ihre angeblich faulen Mitarbeiter:innen für faszinierende, lernintensive und anstrengende Hobbys haben. Ich rede von Menschenbildern und Haltung. Oftmals komme ich nicht weit und verzweifle daran, Menschen nicht davon überzeugen zu können, dass Menschen vertrauenswürdige Wesen sind. Manchmal frage ich mich sogar, ob wir eigentlich noch über Menschen reden.
Heute Morgen habe ich mich selbst ertappt. Mir wurde gestern eine simple Frage gestellt: „Wenn du willst, dass ich mir die Unterlagen noch anschaue, dann sag Bescheid.“ In mir fing es an zu brodeln. In dem Moment noch nicht. Aber Minuten später – und dann über Stunden. Diese Verantwortung fällt in meinen Bereich. Es ist eine Leitungsaufgabe. Die Unterlagen sind vertraulich und sensibel. Ich warf mir vor, dass ich überhaupt etwas zu dem Thema erwähnt hatte. Ich spann Szenarien, wie sie sich nun versucht, in den Prozess einzuklinken, um Vorteile für sich zu generieren.
Ich regte mich über die Frage auf und entwickelte in meinem Kopf Sätze, die „übergriffig“ (ein Wort, das ich überhaupt nicht mag und selten passend finde), „unverschämt“, „nervig“, „unreflektiert“ usw. beinhalteten. Ich steigerte mich so richtig schön hinein – vor allem aber in meinen Ärger über mich selbst, dass ich schon wieder einen Schritt auf sie zugegangen bin und nun die Suppe auslöffeln muss.
Heute frage ich mich: „Welche Suppe eigentlich?“ Sie hat ein Angebot gemacht, und ich habe „nein“ gesagt. Sie hat mich freundlich gefragt und mir die Option gegeben, „nein“ zu sagen. Sie hat angeboten, Arbeit auf sich zu nehmen. Sie bringt sich ein und versucht mitzudenken. Natürlich möchte ich Menschen in meinem Team, die mitdenken, die vorausdenken. Das ist doch das, was ich auf Bühnen kommuniziere.
Hat sie eigentlich noch die Chance, etwas Gutes zu tun? Wahrscheinlich nicht. Das liegt aber nicht an ihr, sondern an meinem Bild von ihr und das schränkt mich und meine Möglichkeiten ein. Ich bin nicht besser als die CEOs, die an ihren Mitarbeiter:innen zweifeln. Ob das vielleicht auch etwas damit zu tun hat, wie wir über uns selbst denken, das bleibt offen. Oder doch nicht?
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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Juni 2025.