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Kolumne · September2025

Ich habe keine Zeit für «Performance-Theater».

Performance Theater, ein Begriff, der mir vor kurzem über den Weg lief und mich seit dem nicht mehr loslässt. Vielmehr lässt er mich schmunzeln. Die Begrifflichkeit selbst, aber auch wenn ich beobachte, was ich selbst als Performance Theater beschreiben würde.

Schon in den 2000er Jahren gab es Literatur, die sich dem Thema Arbeit widmete, wie z.B. «Wir nennen es Arbeit: Die digitale Bohème oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung» in dem Sascha Lobo und Holm Friebe sich mit einem zeitgemässen Arbeits- und Lebensstil auseinandersetzten. Sie versuchten einen Entwurf zu entwickeln, der der aktuellen Arbeitswelt entgegenstand. Sie beschrieben die Arbeitswelt als eine, in der Menschen fremdbestimmt sind und sich nicht selbstbestimmt weiterentwickeln können, in der Routinen statt Kreativität zelebriert werden, man tauscht Zeit gegen Geld, ohne Rücksicht auf Sinn und Wirkung. Literatur, welche sich in den 2000ern mit Arbeit auseinandersetzte arbeitete sich an denglisch ab, an Business Kaspern und an den schnicken Anzugtragenden Beratern, die in keinem Fall vor ihrem Chef nach Hause gehen konnten, wenn sie unter Beweis stellen wollten, dass sie die Extrameile gehen und im «up or out», auf jeden Fall auf der «up-Seite» zu stehen. Da haben wir sie, die Business Kasper, insbesondere Berater, die ein Theater der Performance par excellance aufführen. Nun sind die Zeiten in denen zählt, wer am längsten im Büro ist vorbei. Zumindest hoffe ich das, auch wenn Präsentismus wohl kurzzeitig nach Corona wieder um sich gegriffen hat. 2025 gehe ich jedoch naiv davon aus, das Ergebnisse mehr zählen sollten als Stunden die man im Büro verbringt. Das Performance Theater hat ausgedient.

Oder auch nicht. Die Zeiten in denen das geschniegelte Berater:innen machten, die sind vielleicht vorbei. Heute trägt man sogar in den besten und teuersten Unternehmensberatungen Poloshirt und gibt sich lässig. Jedoch kann man Performance Theater weiterhin beobachten. In kleinen Verhaltensweisen, wie der Teamsnachricht, die nachts um zwei Uhr geschrieben wird, der Mail am Wochenende, dem Satz «Ich bin ja heute um 06.00 Uhr aufgestanden, damit ich das schaffe.» Sätze beginnen oftmals mit «Ich», manchmal aber auch einfach nur zu unpassenden Zeiten. Und die können auch mitten am Tag sein. Die Zeit, die Menschen damit verbringen das Performance Theater anderer Menschen zu betrachten, die fehlt ihnen selbst Leistung zu erbringen. Ergebnisse zu erzeugen. Oder in Beziehung zu treten, auch wenn das zuhören und die Bedürfnisbefriedigung, die Personen offenbar erfahren, wenn sie ihre Performance anderen zeigen und schildern können, ja auch eine Beziehung stärken kann.

Es ist und bleibt Theater, eine Darstellung. Wäre ein Ergebnis da, ein Sinn, eine Wirkung, dann müsste man das nicht darstellen, nicht laut drüber sprechen, dann würde die Welt das merken und der Mensch, der das Theater aufführt auch. Wenn eine selbstbestimmte Lebensführung möglich ist, in der Sinn in Arbeit entsteht, dann braucht es kein aussen mehr, dann reicht das Gefühl etwas erschaffen zu haben was Wert hat.

Menschen bei diesem Performance Theater zuzuschauen lässt mich lächeln, weil ich mir keine Zeit dafür nehmen möchte, wenn ich es dennoch tue, kann ich wenigstens Spass dabei haben. Es ist ein Schauspiel. Ich nehme es in dem Moment wahr. Wirkung erzeugt es aber erst, wenn ich noch lange nach dem Stück darüber nachdenke, wahrnehme, dass sich in meiner Sicht auf die Welt etwas ändert. Die Wirkung, die erzeugt worden ist, durch die Leistung der Person auch noch spürbar ist, wenn sie nicht mehr selbst drüber spricht. Besonders freue ich mich, wenn auch andere Rezensent:innen mich ansprechen und berichten, wie beeindruckt sie von der Leistung waren. Es muss aber auch nicht immer laut zugehen. Manchmal fühle ich ganz leise und sanft, dass ein Mensch meinen Arbeitsort oder die Arbeitswelt besser macht. Dann kann ich mich vielleicht nicht mehr an die grossen Leistungen erinnern, an den imposanten Moment, aber dieses leise Gefühl, das bleibt. Es war die Nachtigal und nicht die Lerche. Ein Satz. Eine grosse Wirkung.

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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, September2025.