Hyperbolische Diskontierung
Nun kommt sie auch noch mit Fachbegriffen. Bisher hat sie doch so nett über Zeit, Impulse und Reflektion geschrieben. Klar, freundlich, manchmal sogar ein bisschen witzig. Zumindest hofft sie das. Sie hofft auch viele andere Dinge über sich selbst. Dass sie durchhaltefähig, vernünftig, nachhaltig, offen, reflektiert und freundlich ist. Erst mal nachdenkt, bevor sie handelt. Dass sie aber immer handelt. Etwas macht. Die Welt verändert – zumindest ihre eigene.
Im Sommer habe ich ein Buch regelrecht aufgesogen: «Outlive» von Peter Attia. Ja, auch ich bin dem Longevity Hype verfallen. Natürlich weiss ich, dass seit Menschengedenken, Menschen versuchen, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, die Literatur ist voll davon. Menschen haben sich in der griechischen Mythologie schon ein ewiges Leben gewünscht, aber leider vergessen sich ewige Jugend zu wünschen. Dorian Gray in Oscar Wildes «Das Bildnis des Dorian Gray», wollte ewige Jugend, Schönheit und Genuss, aber ohne die Konsequenzen dafür zu tragen. Der Wunsch nach Unsterblichkeit, ohne ethische Verpflichtungen ging schon oft ganz unschön nach hinten los.
Womit wir bei der «hyperbolischen Diskontierung» wären. In der Verhaltensökonomie beschreibt diese, die natürliche Tendenz, eine sofortige Belohnung potenziell zukünftigen Gewinnen vorzuziehen und zwar insbesondere dann, wenn die Gewinne harte Arbeit erfordern. Besonderes berühmt ist in dem Kontext das Marshmallow Experiment aus den 1960er Jahren. Kinder bekamen die Möglichkeit zur Entscheidung: Sie sassen in einem Raum und vor ihnen lag ein Marshmallow. Sie konnten entweder den Marshmallow sofort essen oder 15 Minuten warten und dann würden sie zwei Marshmallows bekommen. Nur ca. ein Drittel der Kinder konnten warten. Nun gut, es waren Kinder, was hat das denn mit mir zu tun?
Die Forschung zeigt, das Rauchen schlecht für die Gesundheit ist und da sind wir uns gesellschaftlich auch seit einigen Jahren drüber einig – dennoch greifen immer noch Menschen lieber schnell zur Zigarette, um sich kurzfristig zu beruhigen, statt den langfristigen Effekt von besserer Gesundheit zu haben. Ähnlich verhält es sich mit sozialen Medien. Immer mehr Forschung zeigt, wie ungesund soziale Medien für unsere mentale Gesundheit sind. Schon die Reduktion der Screentime kann einen erheblichen Einfluss auf unsere mentale Gesundheit haben (Depressionen, Angstzustände, Stress nehmen ab und Zufriedenheit nimmt zu). Langeweile auszuhalten fördert die Kreativität und ist gut für unser Gehirn. Langfristig ist das klar, kurzfristig ist Langeweile anstrengend, der Griff zum Handy schnell und das Dopamin befördert uns in freudige Zustände. Oder zumindest bemerken wir die Tristesse und Einsamkeit für ein paar Momente nicht, in denen wir uns auf Instagram ablenken lassen.
Diese Beispiele können wir nun bis ins Unendliche fortführen. Endlich das Wohlfühl- und Wunschgewicht in ein paar Monaten erreichen, oder dieses leckere sahnige Eis essen, langfristig auf diesem Planeten leben, ohne dass Klimakatastophen uns die Luft zum Atmen und vielmehr das Wasser zum Trinken nehmen, oder doch der schnelle Konsum und der Kurztripp übers Wochenende mit dem Flugzeug nach Mallorca. Etwas wirklich durchdringen und eine Kompetenz aufbauen oder schnell eine Frage in eine KI eingeben und nur den Text kopieren müssen.
Das Phänomen ist überall, jede:r kennt es, jede:r versteht es und zwar insbesondere die negativen Auswirkungen. Dennoch machen wir alle weiter. Vergnügen uns kurzfristig. Wohin führt das langfristig? In den meisten Fällen zu nichts Gutem. Sie haben es aber nun immerhin geschafft diesen Text komplett zuende zu lesen. Haben sich nicht ablenken lassen und sind zum nächsten Text oder gar Medium geschritten. Haben die Wörter erfasst und die Message aufgenommen. Oder sie nehmen sich jetzt nochmal die Zeit darüber nachzudenken, dieses Phänomen, dass wir aus der Verhaltensökonomik kennen zu recherchieren und ihre Schlüsse daraus zu ziehen.
Meine eigene Schlussfolgerung: Widerstand ist nichts tun. Nachdenken. Nichts tun. In vielen Fällen.
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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Oktober 2025.