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Kolumne · November 2025

Work about work

Eine Arbeit über Arbeit – aber ist das überhaupt Arbeit was ich hier mache? Meine Gedanken schweifen lassen und auf Papier bringen, um sie auszubreiten, ihnen Raum zu geben, einen Gedanken mal zuende zu denken, auch wenn ich nicht glaube, dass dies jemals gelingen kann und ihn dann auch noch zu teilen, weil vielleicht jemand anders den Gedanken aufgreifen und weiter denken kann. Vielleicht entsteht etwas, vielleicht aber auch nicht. Genau an dieser Stelle lohnt es sich schon weiter zudenken. Was entsteht denn, wenn ich sonst den ganzen Tag vor einem Bildschirm sitze, Mails abarbeite, Meetings koordiniere, vorbereite und moderiere, Folien konzipiere, baue und mich darin verliere sie schön zu gestalten, immer wieder unterbrochen durch das Ping von Teams, Slack, whatsapp oder den Geräuschen, die mein Partner in der Küche macht? Was ist das Produkt, der Mehrwert den ich schaffe, wenn ich tagein tagaus vor meinem Rechner sitze und ihn abends erschöpft zuklappe.

Ich messe meinen Erfolg mittlerweile daran, ob ich es geschafft habe am Abend keine Mails mehr in meinem Postfach zu haben. Das Problem dabei ist: Wenn ich eine Mail beantworte, provoziere ich oftmals eine Antwort, und wenn es nur ein «Danke. Gruss M.» ist. Schon wieder sortiere ich diese Mail in einer der 100 Unterordner, die ich mittlerweile in meinem Outlook habe. Um meine Arbeit fassbar und messbar zu machen schreibe ich Listen. Listen für den Monat, die Woche, den Tag und ich finde es befriedigend etwas durchzustreichen, oder abzuhaken. Es gibt mir ein Gefühl von Kontrolle und Erfolg.

Studien zeigen, dass Work about Work, also die Arbeit, die wir verrichten, um unsere Arbeit zu tun, bis zu 60% der Zeit von Wissensarbeiter:innen ausmacht. Nicht nur Mails, auch Abstimmungen, Koordination, unnötige Meetings, doppelte Prozesse und Co. rauben uns Zeit, Energie und Hirnkapazität, um wirklich sinnvolle Dinge zu tun. Ich schreibe nun grade eine Arbeit über Arbeit, die mich davon abhält, die Arbeit über Arbeit zu verrichten, damit ich dann meine Arbeit tun kann. Kawumm, macht es in meinem Kopf grade. Es fallen Karten eines Kartenhauses zusammen, das ich mir selbst erschaffen habe. Ich arbeite nicht, ich bin beschäftigt. Den ganzen Tag, teilweise sogar gestresst, weil ich die ganze Zeit versuche mich und andere so zu organisieren, damit wir arbeiten können. Ich schaffe in der Zeit nur einen Wert – mich und andere zu beschäftigen und ich messe das an abgearbeiteten toDo-Listen.

Meine These: Weil wir beschäftigt sind und weil wir uns Systeme aufgebaut haben, die uns vortäuschen etwas produktives geschaffen zu haben, verbietet uns unser Kopf die Möglichkeit von Arbeitszeitreduktion ernsthaft in Betracht zu ziehen. So lange wir beschäftigt sind, können und müssen wir nicht hinterfragen, ob das was wir hier tun überhaupt einen Sinn ergibt. Solange wir beschäftigt sind, müssen wir auch nicht überlegen und uns vielleicht sogar anstrengen einen Wert zu schaffen oder unsere Zeit anders zu füllen. Wir müssen vor allem eins nicht: Wir müssen uns nicht die Fragen stellen, was Arbeit wirklich ist und was wir ohne Arbeit eigentlich sind.

Ich habe eine Arbeit über Arbeit angekündigt, aber für diese hatte ich heute weder Zeit noch Platz, weil ich ja erst erkennen musste, dass selbst den grössten Teil meiner Zeit wahrscheinlich gar nicht arbeite, sondern vor allem beschäftigt bin. Über diese Erkenntnis muss ich auch erstmal nachdenken, vielleicht in meinem nächsten Urlaub.

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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, November 2025.