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Kolumne · Dezember 2025

Zeitgemäße Führung

Vor kurzem durfte ich mich mit der Frage beschäftigen, was eigentlich zeitgemäße Führung sei. Wenn ich solche Aufgaben bekomme, begleitet mich die Frage über Wochen im Hinterkopf, tritt immer mal wieder hervor, bis ich sie wieder wegschiebe – und dann macht es irgendwann klick und ich habe eine Erkenntnis. Dieses Mal kam mir diese Erkenntnis, als ich durch die Straßen lief und plötzlich überall Filmplakate sah: Momo von Michael Ende kommt wieder in die Kinos. Momo war das erste Theaterstück, das ich im Alter von 6 Jahren mit meiner Mutter im Kindertheater gesehen habe. Ich habe es später noch mehrmals gesehen und besaß es als wunderschönes, in Leinen gebundenes Buch und als Hörspiel.

Momo, das kleine Mädchen, das in den Ruinen einer Stadt lebt, in der graue Männer versuchen, die Menschen dazu zu bringen, Zeit zu sparen, um sie angeblich für später sicher und gut verzinst aufzubewahren. Während die Menschen versuchen, ihre Zeit zu sparen, vergessen sie im Hier und Jetzt zu leben, werden immer trauriger, leerer – und die Stadt, in der Momo lebt, immer trostloser. Lange bevor J. K. Rowling die Dementoren erfand, beschrieb Michael Ende schon, was Menschen die Lebenslust nehmen kann.

Während ich durch die Straßen lief, fragte ich mich, ob Momo denn noch zeitgemäß sei. Ich versuchte mich zu erinnern, worum es ging, erinnerte mich nach und nach an immer mehr: die Schildkröte, Beppo Straßenkehrer und Momos braunen Lockenkopf. Ich erinnerte mich daran, wie angsteinflößend die grauen Männer waren und wie inspirierend und fröhlich Momo war. Momo schafft es, dass Geschichtenerzähler wieder Geschichten erzählen, dass Beppo Straßenkehrer seine Geschichte erzählt und sich angenommen fühlt – und am Ende gibt sie den Menschen die Zeit zurück.

Momo ist im Moment, hört zu, lernt, vertraut, inspiriert – und bringt den Menschen am Ende die Zeit und damit das Lebensglück zurück. Die Stundenblume wählt Michael Ende als Symbol für die Kostbarkeit des Moments und der Zeit als Lebensquelle – und die Stadt blüht wieder auf, nachdem die grauen Herren nicht mehr an der Macht sind.

Momo hat überdauert – als Werk und in ihrer Botschaft. Und während immer neue Führungsstile ihren Weg in Wissenschaft und Populärwissenschaft finden – von Servant Leadership bis New Leadership, von Transformational Leadership bis Situational Leadership – überdauert auch das, was zeitgemäße Führung im Kern ausmacht.

Menschen haben Grundbedürfnisse: Autonomie, Verbundenheit und Kompetenzerleben. Führungskräfte, die es schaffen, diese zu adressieren, indem sie zuhören, lernen und vertrauen, können ihre Funktion sinnvoll ausüben. Führungskräfte, die inspirieren und es schaffen, Menschen zu verbinden, um gemeinsam Ziele zu erreichen, werden sehr wahrscheinlich erfolgreich sein. Ein bisschen Mut gehört sicherlich auch dazu. All das können wir von der Figur Momo lernen. Und noch etwas können wir lernen: Zeitgemäß ist, Zeit zu haben – für und mit Menschen. Viel mehr muss man, glaube ich, gar nicht über zeitgemäße Führung wissen. Eins noch: Zeitgemäße Führung überdauert.

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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Dezember 2025.