Die guten Vorsätze – weniger ist mehr
Januar. Wie jedes Jahr haben wir auf LinkedIn, aber auch auf Weihnachtsfeiern, in Newslettern und Jahresberichten im Dezember unsere Erfolge gefeiert. Was haben wir im letzten Jahr nicht alles erreicht. Gelernt haben wir natürlich auch sehr viel, reflektiert ebenfalls – das gehört inzwischen fast schon dazu. Wir kommen nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass es schwierige Zeiten waren, die wir 2026 erlebt haben. Und doch haben wir sie gemeistert, können voller Stolz und Dankbarkeit auf 2025 zurückblicken. Und selbst wenn es ein hartes Jahr war, sind wir uns sicher: 2026 – 2026 werden wir es besser machen.
Aber was eigentlich? Wie in jedem Jahr nehmen wir uns persönliche Ziele vor, melden uns im Fitnessstudio an, laden die neueste Meditations-App herunter und kaufen uns dicke Schuhe – denn so ein Waldspaziergang soll ja Wunder bewirken. Neben dem Bett stapeln sich die Bücher, die wir 2025 für unsere persönliche Entwicklung gekauft haben; 2026 werden wir sie lesen. Bestimmt. Auch auf LinkedIn ist es die Zeit der Versprechen: 2026 werden wir weniger machen. Weniger Meetings, weniger Mails, weniger Datenchaos und weniger verschwendete Zeit. Fokus, Achtsamkeit und «Slow Productivity» sind das Ziel. Die Personalmanagement-Abteilungen organisieren deshalb achtsame Retreats, Silent Lunches und Schulungen für Führungskräfte, damit diese die Stressresilienz am Arbeitsplatz ihrer Mitarbeiter:innen erhöhen – oder sie zumindest nicht beeinträchtigen. Schwupps haben wir wieder zusätzliche To-dos im Kalender, zusätzlich zu den Meetings, die sich heimlich, still und leise spätestens nach acht Wochen doch wieder als Regeltermine eingeschlichen haben.
Wo das Problem liegen könnte? So wie viele Menschen vor Weihnachten noch versuchen, ihre Vorsätze auf den letzten Metern zu erreichen und im Dezember arbeiten, als gäbe es keinen Januar, so sind auch die grossen Veränderungen, die im Januar 2026 angestrebt werden, nicht weniger überfordernd. Menschen überschätzen klassischerweise, was sie in kurzer Zeit leisten können, und unterschätzen zugleich, was sie langfristig verändern können. Deshalb ist es für viele unfassbar frustrierend, wenn sich nach zwei Wochen auf der Waage nichts tut (und «nichts» ist oftmals alles unter zwei Kilogramm) oder wenn trotz weniger Meetings weiterhin über Stress geklagt wird. Worin wir Menschen wirklich schlecht sind, ist der Umgang mit Zahlen – insbesondere mit exponentiellem Wachstum. Wenn wir jede Woche 200 Gramm abnehmen, weil wir unsere Ernährung umstellen, sind das 800 Gramm im Monat und fast zehn Kilo im Jahr. Kombinieren wir das mit Sport und bauen Muskulatur auf, die mehr Energie verbrennt, kann sich dieser Effekt sogar noch beschleunigen. Jede Woche 30 Minuten mehr Zeit zu haben, weil ein Meeting ausfällt, mag banal erscheinen. Nutzen wir diese 30 Minuten jedoch, um an unseren Fähigkeiten zu arbeiten – etwa am Zeitmanagement oder an unseren IT-Kenntnissen –, steigt unsere Effizienz, und wir gewinnen langfristig exponentiell mehr Zeit zur freien Verfügung. Die Kapitalist:innen in uns freuen sich: mehr Zeit, die wir effizient nutzen können. Die Humanist:innen in uns freuen sich ebenfalls – mehr Zeit für Müssiggang. Und Müssiggang ist nicht aller Laster Anfang, sondern, wie Jenny Odell in ihrem Werk «Nichts tun» schreibt: In einer Kultur, in der Wert über Produktivität definiert wird, wird die Verweigerung von Produktivität zu einem Mittel, Wert zurückzugewinnen. 2026 Werte und Wert in den Mittelpunkt zu stellen – das könnte doch ein guter Vorsatz sein. Ein einziger, erreichbar mit kleinen Schritten. Jeden Tag ein kleines bisschen weniger ergibt am Ende vielleicht so viel mehr.
Was dieses Weniger ist? Ich weiss es nicht – aber ich bin mir sicher, dass ihr es herausfindet.
· · ·
Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, Januar 2026.