Papier hält still
Papier hält still, ist ein geflügeltes Wort. Genauso wie «wir schreiben keine Konzepte für die Schublade», das insbesondere Unternehmensberatungen gerne mal vor sich hertragen. Dennoch landet dann am Ende des Tages vieles in Ablage P (für Papierkorb).
Sehr unterschiedliche Fragen drängen sich hier auf. Man könnte sich zum Beispiel fragen, warum nicht das ausgesprochen wird, was gedacht wird, sondern geflügelte Worte benutzt werden, die teils zynisch, teils lakonisch gemeint sein können. Man könnte sich aber auch die Frage stellen, ob es nicht doch sinnvoll ist, dass wir Gedanken und Konzepte aufschreiben, sie in Worte fassen, logische Zusammenhänge und Argumentationen aufbauen, um zu Schlüssen zu kommen, die vielleicht auch in Handlungen münden.
Unternehmen schreiben gerne mal lange Strategiekonzepte, wenn man Mitarbeiter:innen fragt, was drin steht, werden die wenigsten Inhalte nennen können, da nützt auch die noch so innovative Town Hall nichts. Gründer:innen, die eine Finanzierung brauchen, müssen einen Business Plan schreiben. Auch hier hält sich das Gerücht, dass Business Pläne nichts bringen und in den Medien berichten besonders erfolgreiche Gründer:innen auch gerne mal, sie hätten noch nie einen Plan geschrieben. Das mag auch sein. Was aber auch sein mag, ist, dass die Forschung sich recht einig ist, dass Business Pläne positive Auswirkungen haben. So zeigen empirische Daten, dass sie sinnvoll für Richtung und Fokus sind, Grundlage für bessere Entscheidungen, interne Kommunikation und auch psychologische Effekte mit sich bringen, indem sie zum Beispiel unrealistischen Optimismus reduzieren. Wenn man die Gründer:innen beobachtet, die behaupten, noch nie in ihrem Leben einen Business Plan geschrieben zu haben, dann beobachtet man auch oftmals etwas: Notizbücher. Journaling – teilweise auch mit ausgefeilten Systemen, die zwischen Informationen, Ideen, Entscheidungen und Learnings differenzieren – wird geführt und das über Jahrzehnte. Warren Buffett zum Beispiel nutzt seine jährlichen Shareholder Letters nicht nur zur Berichterstattung, sondern als Denkwerkzeug: Er schreibt sich selbst und seine Investmentphilosophie klar. In prägnanten Sätzen wie "Dollars are dollars whether they are derived from the operation of media properties or of steel mills" (1991) destilliert er komplexe Strategien zu handlungsleitenden Prinzipien. Was als Pflichtübung beginnt, wird zum geschliffenen Gedanken.
Vielleicht ist es also gar nicht die Frage, ob man schreibt, sondern wie man es tut. Wenn Sie also auch mal wieder dazu verdonnert worden sind, ein Strategiedokument zu schreiben, dann nutzen Sie es doch als Ort, an dem Sie Ihre Gedanken sortieren. An dem Sie sich vorstellen, wo Sie in drei oder fünf Jahren mit der Organisation stehen wollen. Wer verbietet es Ihnen denn, auch wenn Sie das in der Verwaltung oder im Unternehmen tun, die Idee der Morning Pages von Julia Cameron eine Woche auszuprobieren und Erkenntnisse in die Strategie zu überführen, oder die Reduktionsregel von Steven King zu befolgen und so diesen Text zu Ihrem zu machen? Niemand.
Wer schreibt, der bleibt – es gibt auch Strategien, die bis heute von Menschen nachgelesen und an Hochschulen gelehrt werden, so war die Strategie von Toyota die Grundlage für Lean Management, Netflix Culture Deck wird in der New Work Debatte immer wieder als Beispiel herangezogen und über Apple wurde wahrscheinlich eh schon alles gesagt und geschrieben.
In Zeiten, in denen viele nur noch kurze Nachrichten in ihr Handy tippen, ohne sich Gedanken über Rechtschreibung und Grammatik zu machen, kann ein Langtext doch etwas sehr Befreiendes sein. Wenn er ehrlich ist, kann er erden und wenn er literarisch ist, kann er beflügeln und wenn er keines von beidem ist, kann zumindest der Prozess ein sinnstiftender sein.
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Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, März 2026.