Komplimente
Ich bin privilegiert. Nicht nur weil ich weiss bin, Akademikerin und in der westlichen Welt wohne, in der ich es vom Arbeiterkind zur Professorin geschafft habe. Ich bin auch privilegiert, weil Menschen mir zuhören. Ich darf Vorträge halten. Menschen fragen mich, ob ich mich auf eine Bühne stelle und ein kleines Puzzlestück dieser Welt erkläre. Meine Gedanken ausbreite, wie einen Teppich – und Menschen können sich auf diesen Teppich begeben, ihn mal anfühlen und überlegen, ob sie ihn mögen oder nicht.
Manchmal ist der Teppich kratzig. Man fühlt sich ein bisschen gestört. Wenn ich konsequent gendere oder Menschen den Spiegel vorhalte, die mir erzählen wollen, dass ihre Mitarbeiter:innen ja nicht die Maturität haben, die Vorschläge umzusetzen – ja sogar zu bequem oder faul seien. Ich halte ihnen den Spiegel vor, indem ich frage: Wer hat diese Personen eigentlich ausgewählt oder eingestellt? Das ist nicht nur kratzig. Das ist manchmal wie eine kleine Nadel, die sich noch im Teppich befunden hat.
Manchmal ist der Teppich aber auch ganz weich. Wenn ich Sätze sage wie «New Work ist nicht No Work» oder «Die Organisation gibt den Rahmen vor – denn eine Organisation muss funktionieren, sonst haben wir irgendwann gar keine Arbeit mehr», dann fühlen sich Menschen bestätigt und bestärkt. Manchmal kann ich sogar einen Teppich ausbreiten, auf dem Menschen das Gefühl haben, fliegen zu können. Man kann die Energie im Raum förmlich spüren. Menschen lachen, Augen leuchten, man sieht die Visionen entstehen – wie eine bessere (Arbeits-)welt aussehen könnte und welche Rolle man selbst darin spielen könnte. Auch die kleinen Anekdoten, in denen Menschen sich selbst wiedererkennen, ein Denkraum entsteht, wie man am Tag nach dem Vortrag anders reagieren könnte – mit Witz, Charme und weniger Anstrengung – fühlen sich leicht an und lassen einen für einen kurzen Moment ein bisschen fliegen.
Ich bin Wissenschaftlerin – und zu diesem Text hat mich ein Kompliment inspiriert, das ich vor kurzem erhalten habe. «Das war ja schon fast Comedy Gold», sagte ein Mann nach einem Vortrag, wohlwollend und ein klein wenig begeistert. Noch Tage danach habe ich gemerkt, wie sehr mich dieses Kompliment erfreut hat. Ich sage von mir selbst, dass ich nicht lustig bin – oder so dachte ich. Nach einem Vortrag, in dem ich ein Phänomen erklärt, wissenschaftliche Studien zitiert und Schlussfolgerungen gezogen hatte, in dem ich gespürt hatte, wie der Raum mitgeht – mit meiner Energie, meinen Gedanken, der Idee einer besseren (Arbeits-)welt – war das eines der schönsten Komplimente, die ich je bekommen habe. Wissenschaft muss nicht trocken und staubig sein. Wirtschaft auch nicht. Es gibt viele Möglichkeiten, beides zu nutzen, um die Gesellschaft zu verändern, besser zu machen. Und ich darf meinen Beitrag dazu leisten.
Seitdem stelle ich mir öfter die Frage: Bin ich gerade privilegiert, weil ich das tun darf? Schreiben, denken, reden, zuhören, nichts tun, arbeiten, Sport machen, lesen, ein Essen nicht aufessen, in einem Gremium sitzen, Nein sagen. Und auch: Habe ich gerade ein Kompliment bekommen – weil jemand mich kritisiert hat, den ich eh nicht mag? Weil jemand einfach kein kritisches Feedback gegeben, sondern es angenommen hat? Oder weil ich wirklich ein Kompliment bekommen habe, das mich mehr freut, als ich erwartet hätte? Unabhängig davon, wie die Antworten auf diese Fragen ausfallen – ich gebe seither mehr Komplimente. Weil dieses Gefühl, ein schönes und unerwartetes Kompliment zu bekommen, einfach grossartig ist.
· · ·
Zuerst erschienen in ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst, April 2026.